tierart-übergreifend

Das empfindliche Gleichgewicht von Ökosystemen

zwei Dingos im Sand
Welchen Einfluss haben Tiere und Pflanzen auf ein Ökosystem?

Es ist aber nicht nur der Mensch, der Einfluss auf ein Ökosystem nimmt. Auch Pflanzen und Tiere können das – und dabei mitunter großen Schaden anrichten. Manche kommen als blinde Passagiere in eine neue Welt. Andere werden bewusst eingebracht und gezüchtet. Wenn sich solche fremden Arten ansiedeln, werden sie Neobiota genannt. Bei Pflanzen spricht man zur Unterscheidung von Neophyten, bei Tieren von Neozoen und bei Pilzen von Neomyzeten.

Jede Art von Neobiota kann eine große Gefahr für bestehende Arten und ein etabliertes Ökosystem sein. Das ist vor allem ein Problem der heutigen Zeit. Diese Art der Ausbreitung hat zwar in der Erdgeschichte schon unzählige Male stattgefunden. Aber heute können sich fremde Arten viel schneller und über größere Distanzen verbreiten. Selbst eigentlich unüberwindbare Barrieren (beispielsweise das Meer) können sie dank der Transportmittel und -wege des Menschen nicht aufhalten.

Von Dingos und Grauhörnchen

Es gibt einige Beispiele für eine solche Zuwanderung in ein neues Ökosystem. Die älteste nachgewiesene, verschleppte Art ist der Dingo. Er ist eigentlich ein Haushund, den die ersten Einwohner Australiens mitbrachten. Vor Jahrtausenden verwilderte er und verdrängte zahl­rei­che ein­hei­mi­sche Arten wie den heu­te aus­ge­stor­be­nen Beuteltiger und den Tasmanischen Teufel. Anschließend hat­ten die hei­mi­schen Arten aber hun­der­te von Jahren Zeit, si­ch an die neue Situation zu ge­wöh­nen und ein neu­es Gleichgewicht her­zu­stel­len – bis der Inselkontinent neu ent­deckt wur­de.

Wieder führte der Mensch diverse neue Tierarten nach Australien ein. Einige wurden bewusst ausgewildert, andere büxten aus und verwilderten. Infolgedessen sind heut­zu­ta­ge Kaninchen, Kamele und Füchse auf Australien ge­nauso hei­mi­sch wie Kängurus, Koalas und Wombats. Doch die neu­en Arten sind er­heb­li­che Konkurrenten für die ur­sprüng­li­che Fauna. Deswegen versucht der Mensch nun, sie wie­der aus­zu­rot­ten. Beispielsweise hat man versucht, die Kaninchen mit Myxomatose, der so­ge­nann­ten Hasenpest, zu in­fi­zie­ren. 900 Millionen Tiere ver­en­de­ten, 100 Millionen über­leb­ten – und ent­wi­ckel­ten ei­ne Resistenz ge­gen das Virus.

Neobiota gibt es aber auch in unseren heimischen Breitengraden. Ein Beispiel ist das Grauhörnchen. Es verdrängt das in Europa heimische rote Eichhörnchen immer mehr, da es in Bezug auf die Nahrung robuster und weniger wählerisch ist. Außerdem ha­ben Grauhörnchen das Parapoxvirus ein­ge­schleppt, an dem vie­le ro­te Eichhörnchen zu­grun­de ge­hen. In Großbritannien wird des­halb Jagd auf die grau­en Hörnchen ge­macht. Inwiefern die­ser Rettungsversuch er­folg­reich sein wird und ob den kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Eichhörnchen auf ähn­li­che Weise ge­hol­fen wer­den kann, wird si­ch zei­gen.

Was kann oder muss man gegen Neobiota unternehmen?

Es ist nicht unbedingt notwendig, die „störenden“ Tiere zu töten. Ihre Verbreitung kann auch anders verhindert werden. Beispielsweise fingen Menschen in der Eifel zugewanderte Kanadische Biber ein, kastrierten sie und wilderten sie wieder aus.

Allerdings ist es gar nicht immer nötig, überhaupt etwas gegen Neobiota zu tun. Neue Arten sind nicht immer etwas Schlechtes für ein Ökosystem. Die Mandarinente zum Beispiel ist ein neutraler Neuankömmling. Sie hat eine unbesetzte Nische gefunden und besetzt. Andere Arten beeinflusst sie nicht negativ.

Neobiota als Rettungsmaßnahme für geschädigte Ökosysteme

Manchmal kann es durchaus von Vorteil sein, neue Arten einzubringen. Manchmal sind sie robuster und können Lebensräume erschließen, die heimische Arten nicht für sich nutzen können. So be­sie­deln neue Pflanzenarten als Pioniere un­be­wach­se­ne Hanglagen und schüt­zen die­se vor Erosionen. Wenn vulkanische Inseln neu entstehen, sind im Grunde alle Neuankömmlinge dort Neobiota. Sie bringen überhaupt erst Leben dorthin. Nach und nach bauen sie dann ein individuelles Ökosystem auf.

Auch der Mensch kann sich das zunutze machen, beispielsweise, indem er Arten in einem Gebiet ansiedelt, in dem sie nicht (mehr) vorkommen. Damit können wir Menschen Fehler, die wir in früheren Jahren gemacht haben, korrigieren und das Gleichgewicht in einem Ökosystem zu stabilisieren versuchen. Besonders erfolgreich sind dabei Projekte mit lokal ausgestorbenen Arten, wie es beispielsweise beim Bartgeier gemacht wird.

Die Schildkröte, die Bäume vermehrt

Eine Aldabra-​RiesenschildkröteLeider ist der Mensch nicht immer schnell genug, um noch etwas ausrichten zu können. Gegen 1800 wur­de die en­de­mi­schen Riesenschildkröte auf Mauritius (Gattung Cylindraspis) aus­ge­rot­tet. Zusätzlich be­gin­gen die Einwohner dort Raubbau am Ebenholz Diospyros eg­ret­tar­um – ei­ne Laubbaumart, die gro­ße Teile der Insel be­deck­te. Zwar stoppte man die Rodungen, als die Art kurz vor dem Aussterben stand. Der Bestand jedoch regenerierte sich selbst nach 30 Jahren nicht. Beides hängt miteinander zusammen, denn das Ebenholz ist bei seiner Vermehrung auf die Schildkröte angewiesen. Sie frisst die Samen und scheidet sie mit ihrem Kot wieder aus, bereit zum keimen. Das geschieht meist weit weg vom Aufnahmeort, sodass die Schildkröte außerdem die Verbreitung der Baumart unterstützt.

Erst im Jahr 2000 fand man eine Lösung. Die Aldabra-​Riesenschildkröte (Aldabrachelys gi­gan­tea) fand als Ersatzart für die aus­ge­rot­te­ten Riesenschildkröten ihr neues Zuhause auf Mauritius. Die beiden Arten ähneln sich nämlich in Sachen Ernährung. Da es si­ch um ei­ne lang­sam wach­sen­de Baumart han­delt, ist ein Erfolg no­ch nicht hun­dert­pro­zen­tig ab­zu­se­hen. Es be­steht al­ler­dings Hoffnung, dass das Neozoon Aldabra-​Riesenschildkröte das Ebenholz und da­mit das Ökosystem auf Mauritius ret­tet.

Aber nicht al­le Arten kann der Mensch er­setzen. Viele ha­ben im Laufe der Evolution so spe­zi­el­le Nischen ein­ge­nom­men, dass es kei­ne aus­rei­chend ähn­li­che Art gibt. Daher ist es um­so wich­ti­ger, da­für Sorge zu tra­gen, dass die Ökosysteme sta­bil blei­ben und kei­ne wei­te­ren Arten durch mensch­li­ches Zutun aus­ge­rot­tet wer­den.

Hinterlassen Sie einen Kommentar