tierart-übergreifend Tierschutz

Animal Hoarding

In welchem Zustand sind die Tiere von Animal Hoardern?

Bei Berichten über Animal Hoarding bleibt Tierfreunden meist der Zustand der Tiere und der Wohnung be­son­ders im Gedächtnis. Dass das nicht ganz un­be­grün­det ist, be­weist auch Sperlins Studie. Nur bei gut 17 Prozent der 479 un­ter­such­ten Fälle wie­sen ei­ni­ge der Tiere ei­nen un­auf­fäl­li­gen Gesundheitszustand auf. In 60 Prozent der Fälle hingegen wurden kran­ke Tiere vor­ge­fun­den, in über 50 Prozent trat Parasitenbefall auf. Am häu­figs­ten wa­ren Hauterkrankungen, Entwicklungs- und Stoffwechselstörungen, Zahnerkrankungen so­wie Infektionen ver­tre­ten. Besonders der Befall an Viren und Bakterien war schwer­wie­gend. Unter an­de­rem konn­ten Leishmanien, Kokzidien, Giardien, Coronaviren, Parvovirose-​Viren so­wie bak­te­ri­el­le Erreger für Zwingerhusten und Katzenschnupfen nach­ge­wie­sen wer­den. Von Entzündungen wa­ren haupt­säch­li­ch die Atemwege und der Magen-​Darm-​Trakt be­trof­fen.

Äußerlich wa­ren vor­wie­gend Deformationen an Krallen, Klauen und Hufen, Ekzeme, Dermatitis, Hyperkeratose (star­ke Verhornung), Pyodermie (eit­ri­ge Hautentzündung), Ulcera (Geschwüre) so­wie Pilz- und Parasitenbefall (Milben, Flöhe) zu be­ob­ach­ten. Vor al­lem bei Katzen wur­den ver­mehrt feh­len­de Zähne in Folge von Entwicklungsstörungen fest­ge­stellt. Dazu ka­men zahl­rei­che Organerkrankungen (Augen, Nieren, Reproduktionsorgane, zen­tra­les Nervensystem) und Stoffwechselerkrankungen (Diabetes, Gicht, Morbus Cushing). Häufig tra­ten zu­dem Allergien auf, die das Immunsystem in Mitleidenschaft zo­gen. Zoonosen (vom Tier auf den Menschen über­trag­ba­re Krankheiten) wa­ren bei den Virus-, Bakterien- so­wie Pilzinfektionen eben­falls zu ver­zeich­nen.

Bei knapp 28 Prozent der Fälle wa­ren ver­letz­te Tiere an­zu­tref­fen. Sie lit­ten zu­meist an Biss-, Kratz- und Schnittwunden, aber auch an Augenverletzungen, Frakturen, Verrenkungen der Gelenke (Luxationen), Hämatomen und Abszessen. Ursache wa­ren vor al­lem Kämpfe der Tiere un­ter­ein­an­der. Die Schwere reich­te bis hin zu ver­stüm­mel­ten oder feh­len­den Gliedmaßen. Andere Verletzungen stamm­ten von den Haltungsbedingungen selbst (un­ter an­de­rem durch Drähte, an­ge­nag­te Elektrokabel, Ertrinken). Unterernährung auf­grund man­geln­der Mindestversorgung ist be­son­ders kenn­zeich­nend für Animal Hoarding und trat in knapp 42 Prozent der Fälle auf.

Tote Tiere sind leider keine Seltenheit

In 153 Fällen wur­den ver­en­de­te Tiere ge­fun­den. Ihre ge­naue Zahl war al­ler­dings schwer fest­zu­stel­len. Die Kadaver, teil­wei­se be­reits mu­mi­fi­ziert und über Jahre an­ge­sam­melt, wur­den in Säcken ver­staut oder ver­gra­ben. Manche Hoarder ver­brann­ten die ver­en­de­ten Tiere oder ent­sorg­ten sie an­der­wei­tig (bei­spiels­wei­se über ei­ne Tierkörperverwertungsanstalt). Bei 117 Fällen ist be­kannt, dass ins­ge­samt 1 477 Tiere ver­star­ben. Daraus er­gibt sich ein Durchschnitt von 13 ver­en­de­ten Tieren bei je­dem die­ser Fälle. Allerdings schätzt Sperlin die Dunkelziffer auf­grund der ge­nann­ten Entsorgungsmöglichkeiten als sehr hoch ein. Eine Euthanasie stark ver­wahr­los­ter Tiere war bei knapp 42 Prozent, sprich 95 Fällen, not­wen­dig. Zusammengenommen wa­ren das 1 606 Tiere.

Verhaltensauffälligkeiten ei­ni­ger Tiere wa­ren bei knapp ei­nem Drittel der Fälle zu be­ob­ach­ten. Am häu­figs­ten wa­ren Deprivationsschäden (Entzug wich­ti­ger Umweltreize und Zuwendung) fest­zu­stel­len. Außerdem tra­ten we­ni­ger häu­fig Stereotypien, Kannibalismus und Infantizid (das Töten der ei­ge­nen Nachkommen) auf.

Maßnahmen gegen Animal Hoarding

In Deutschland liegt die Zuständigkeit im Falle von Animal Hoarding bei den ört­li­chen Veterinärämtern. Sie suchen zu­nächst das Gespräch mit dem Tierhalter, wenn sie über einen möglichen Fall informiert werden. Außerdem füh­ren sie ei­ne Kontrolle vor Ort durch. Wenn si­ch der Verdacht bestätigt, wird zu­meist ein Bußgeld auf­er­legt. Außerdem wird nach §16a des Tierschutzgesetzes die Abgabe al­ler Tiere oder zu­min­dest die Reduktion des Tierbestandes ge­for­dert. Zusätzlich ist ein befristetes Halteverbot gemäß §20a Absatz 1 mög­li­ch. Darüber hinaus kön­nen Haltungsverbesserungen, tier­ärzt­li­che Versorgung, Hygienemaßnahmen, Schädlingsbekämpfung, Kadaverentsorgung so­wie ein Zucht- und Handelsverbot in Verbindung mit Kastration oder Geschlechtertrennung auf­er­legt wer­den.

Die Erfolge die­ser Maßnahmen sind er­nüch­ternd: Nach Sperlin trat in 197 von 436 Fällen zu­min­dest ei­ne vor­läu­fi­ge Besserung ein. Da­für re­agier­ten 125 Hoarder mit Ärger, 103 wur­den ag­gres­siv, 90 re­agier­ten gar nicht. In 33 Fällen zeig­te si­ch so­gar ei­ne Verschlechterung der Situation. Nur bei 22 Fällen war ei­ne dau­er­haf­te Verbesserung fest­zu­stel­len, bei 19 im­mer­hin Einsicht. Angesichts die­ser Ergebnisse scheint es mehr als frag­li­ch, ob die Maßnahmen des Veterinäramtes bei Hoardern über­haupt et­was be­wir­ken. Zumindest wer­den in den meis­ten Fällen die Tiere aus ih­rer miss­li­chen Lage be­freit. Oder es wird we­nigs­tens ver­sucht, die­se zu ver­bes­sern. Jedoch scheint man dem “Problem Hoarder” bei wei­tem no­ch nicht ge­wach­sen zu sein.

Verdacht auf Animal Hoarding – was tun?

Suchen Sie zuerst das Gespräch mit der Person und verschaffen Sie sich ei­nen Überblick über den Zustand der Tiere. Wenn Handlungsbedarf be­steht, informieren Sie das ört­li­che Veterinär– oder Ordnungsamt oder wenden Sie sich an ei­nen Tierschutzverein. Handeln Sie nicht auf ei­ge­ne Faust, die Tiere mit­zu­neh­men ist ei­ne Straftat!

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