Wildtiere

Das Wolfsgeheul

ein heulender Wolf im Schnee

Wenn wir an einen Wolf denken, haben wir oft ein bestimmtes Bild vor Augen: Ein prachtvolles Tier, das bei Nacht auf einem Felsen sitzt, den Kopf nach oben gereckt, die Schnauze kaum merklich geöffnet. Aus seiner Kehle dringt das unverkennbare Heulen des Wolfes. Es ist ein trauriger Laut, denn der Wolf be­klagt mit seinem Heulen den Verlust ei­nes Rudelmitgliedes. Und das mit ei­ner ganz in­di­vi­du­el­len Stimme.

Wieso heulen Wölfe?

Der Stresspegel der Wölfe schien lange Zeit die Antwort auf diese Frage zu sein. Doch haben Wissenschaftler des Messerli Forschungsinstituts an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Universität Zürich und der Universität Parma inzwischen eine andere Vermutung. Sie un­ter­such­ten an neun in Gefangenschaft le­ben­den Wölfen den ge­nau­en Zusammenhang zwi­schen Art und Häufigkeit des Heulens sowie der Konzentration des Stresshormons Kortisol im Speichel der Tiere. Dazu gingen sie wie folgt vor: Die Betreuer der Wölfe nahmen einzelne Tiere auf einen Spaziergang mit. Dadurch trennten sie sie vom Rudel. Von Interesse für die Untersuchung war die Reaktion auf die Trennung. Das Ergebnis: Es war kein Zusammenhang zwi­schen Stress und Geheul zu er­ken­nen. Da­für aber zwi­schen Geheul und so­zia­len Einflüssen. Die Tiere heul­ten mehr, wenn ein ih­nen na­he­ste­hen­des oder rang­hö­he­res Tier das Rudel ver­ließ.

David Mech von der Universität in Minnesota und Holly Root-​Gutteridge von der Nottingham Trent Universität nen­nen no­ch wei­te­re Gründe für das Heulen: Revierverteidigung, Lokalisation an­de­rer Rudelmitglieder und so­zia­le Interaktion, ja so­gar Motivation an­de­rer Rudelmitglieder. So be­schreibt Mech, der die Tiere in frei­er Natur be­ob­ach­te­te, dass schlaf­trun­ke­ne Wölfe durch ein Gruppengeheul er­st rich­tig er­wa­chen.

Jeder Wolf heult einzigartig

Interessant ist außerdem, dass jeder Wolf sein ganz eigenes Heulen hat. Holly Root-​Gutteridge ent­deck­te ei­nen in­di­vi­du­el­len Analyse-​Code, der es er­laubt, ein Tier mit na­he­zu hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicherheit nur an­hand sei­nes Geheuls zu er­ken­nen. Laut Root-​Gutteridge eig­ne si­ch die­se Methode auch zur Zählung wil­der Wölfe. Statt den Tieren ei­nen GPS-​Sender an­zu­le­gen oder ih­re Spuren zu le­sen, sol­le ein Heulen aus­ge­sto­ßen und die Antwort auf­ge­nom­men wer­den. Mit der neu­en Analysemethode kön­ne je­de ein­zel­ne Antwort ei­nem in­di­vi­du­el­len Wolf zu­ge­ord­net wer­den. Die Zahl an Wölfen las­se si­ch da­durch aber nur schät­zen, da nicht je­des Tier zwangs­läu­fig ant­wor­tet. Getestet wur­de die Analysemethode zum ei­nen mit­hil­fe von 67 Aufnahmen zehn ver­schie­de­ner Timberwölfe in Kanada, zum an­de­ren mit 112 Heultönen von 109 ver­schie­de­nen Wölfen. Im ers­ten Fall er­wies si­ch die Methode als 100 Prozent si­cher, im zwei­ten Fall konn­ten im­mer­hin no­ch 97 Prozent Sicherheit er­zielt wer­den.

Was die­se Methode so ge­n­au macht, ist die gleich­zei­ti­ge Messung von Amplitude und Frequenz des Geheuls. Root-​Gutteridge er­klärt ihr Vorgehen ganz ein­fach: Die Frequenz sei wie ei­ne be­stimm­te Note, die ein Wolf singt. Die Amplitude ist wie die zu­ge­hö­ri­ge Lautstärke. Die Qualität der Aufnahmen ist für die Auswertung al­ler­dings ent­schei­dend. Sowohl an­de­re heu­len­de Wölfe als auch Störgeräusche kön­nen das Ergebnis be­ein­flus­sen. Laut Root-​Gutteridge las­se si­ch das­sel­be Verfahren auch auf an­de­re Wölfe, Kojoten und Hunde über­tra­gen – eben auf je­des Tier, das heu­le. Wie prak­ti­ka­bel dies bei Tieren in frei­er Wildbahn ist, wird si­ch aber er­st no­ch zei­gen müs­sen.

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